DFB zieht Konsequenzen aus dem Fall Amerell

16.02.2010 | Frankfurt am Main
Mit Nachdruck, Diskretion und Verantwortungsbewusstsein für die beteiligten Personen hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Vorwürfe gegen Manfred Amerell geprüft. Für den DFB gab es dabei eine klar festgelegte Vorgehensweise. In einem ersten Schritt ging es um die Einschätzung des Verdachtes mit Blick auf die Betroffenen. Danach kam es zu einer zügigen Aufarbeitung der Sachlage durch DFB-Justiziar Dr. Jörg Englisch.

Die Ergebnisse der durchgeführten Anhörungen wurden dann in einem abschließenden Bericht zusammengefasst, der am Montag DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger sowie Ligapräsident Dr. Reinhard Rauball übergeben wurde. Dieser Bericht ist die Grundlage für die Konsequenzen, die der DFB jetzt aus den Vorgängen zieht.

Im Zuge der Anhörungen hat es der DFB bewusst vermieden, mit Informationen über die Abläufe oder mit Details aus Protokollen an die Öffentlichkeit zu gehen. Die oberste Maxime bei der Klärung des Sachverhalts war und bleibt auch weiterhin die absolute Wahrung der Persönlichkeitsrechte aller, die sich in den vergangenen Tagen mit ihren Aussagen vertrauensvoll an den DFB gewandt haben. Sicherlich hätte bei einer umgehenden Weiterleitung des Falles an den DFB-Präsidenten eine schnellere Klärung einsetzen können. Aber nachdem die Informationen Dr. Zwanziger erreicht hatten, wurde direkt mit der Aufarbeitung begonnen. Dabei musste sich der DFB intern zunächst ein verlässliches Bild über die Täter- und Opferrolle machen.

Unmittelbar nach der persönlichen Anhörung von Herrn Amerell durch den DFB-Präsidenten wurden Ligapräsident Dr. Rauball, DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch und der Präsident des Süddeutschen Fußballverbandes Rolf Hocke informiert sowie das Präsidium geladen. Dr. Rauball hat diese Vorgehensweise unterstützt, ebenso wie Dr. Koch. In einem Schreiben an Dr. Zwanziger bestätigt Koch heute noch einmal ausdrücklich, dass er das "Vorgehen des Präsidenten nicht beanstande". Seine Zuständigkeit für den Schiedsrichterbereich habe er ausschließlich abgegeben, weil er vom Vorsitzenden des Schiedsrichterausschusses, Volker Roth, der bereits am 17. Dezember von den Vorgängen Kenntnis bekommen hatte, nicht umgehend und, wie in der Geschäftsordnung festgeschrieben, über die Vorgänge informiert worden sei. Die Einschätzung von Herrn Koch ist zutreffend.

Nach Kommunikation der Vorgänge durch Roth an den DFB-Präsidenten wurde intensiv an der Klärung der Sachlage gearbeitet. Da Herr Amerell über seinen Anwalt in der vergangenen Woche gezielt mit Äußerungen in die Öffentlichkeit gegangen ist, die im klaren Gegensatz zu den vom DFB gesammelten Anhörungsergebnissen standen, sah sich der DFB auch wegen seiner Fürsorgepflicht den Betroffenen gegenüber zu einer ersten öffentlichen Stellungnahme verpflichtet. Der in der Pressemitteilung vom 12. Februar 2010 enthaltene Hinweis, dass sich die "Vorwürfe gegen Herrn Amerell bekräftigen", hat sich nach Auswertung aller Anhörungen weiter bestätigt und konkretisiert.

Zusammenfassend bleibt nach Sichtung des Abschlussberichtes festzuhalten, dass es sich bei den im Raum stehenden Vorwürfen allen Aussagen zur Folge um keinen Einzelfall handelt. Unabhängig voneinander haben mehrere Personen in den Anhörungen zu Protokoll gegeben, von Herrn Amerell in der Vergangenheit bedrängt und/oder belästigt worden zu sein. Dass die Betroffenen diese Übergriffe so lange Zeit nicht gemeldet haben, begründeten sie übereinstimmend mit der latent vorhandenen Angst vor privaten oder beruflichen Nachteilen, die sich vor allem auf die weitere Entwicklung ihrer Laufbahn als Schiedsrichter bezogen. In Summe aller vorliegenden Erkenntnisse steht aus Sicht des DFB fest, dass Herr Amerell seine Pflichten als Mitglied des Schiedsrichterausschusses klar verletzt hat.

Durch Anwaltsschreiben vom 12. Februar 2010 hat Herr Amerell bereits seinen Rücktritt von allen Ämtern im DFB und im Süddeutschen Fußballverband erklärt. Ob strafrechtliche Schritte eingeleitet werden, liegt zunächst in der Entscheidung der Betroffenen. Gleichwohl zieht der DFB aus den Vorgängen Konsequenzen für die Zukunft. Die bisherigen Strukturen im Schiedsrichterwesen werden einer kritischen Prüfung unterzogen und konkrete Vorschläge zu einer Neustrukturierung erarbeitet. Dazu wird in Abstimmung mit dem Ligapräsidenten, dem 1. Vize-Präsidenten Hermann Korfmacher und Generalsekretär Wolfgang Niersbach eine Kommission eingesetzt, der neben Schiedsrichter Herbert Fandel auch Hellmut Krug als Vertreter der DFL, der für das Schiedsrichterwesen zuständige DFB-Direktor Stefan Hans und der Abteilungsleiter Schiedsrichterwesen, Lutz Michael Fröhlich, angehören. Bis zur nächsten Präsidiumssitzung soll das Gremium konkrete Veränderungsvorschläge unterbreiten.

Zu den dringendsten Maßnahmen wird dabei eine Reform des derzeit praktizierten Beobachtungssystems gehören, das die Begleitung und die Bewertung eines jungen Schiedsrichters über einen langen Zeitraum durch eine einzelne Person zur Folge haben kann. Das Ziel der Umstrukturierung wird sein, mehr Transparenz in die Abläufe zu bringen und Abhängigkeitsverhältnissen effektiver vorzubeugen. Darüber hinaus soll im Detail ein Vorschlag ausgearbeitet werden, einen Vertrauensmann einzusetzen, der als unabhängiger Ansprechpartner für die Schiedsrichter zur Verfügung stehen soll. Grundsätzlich sollen die aktiven Schiedsrichter stärkeres Mitspracherecht bekommen.

In Übereinstimmung mit dem Ligapräsidenten geht es DFB-Präsident Dr. Zwanziger, der heute mit dem Schiedsrichterausschuss das Thema erörtert hat, derzeit nicht in erster Linie um Personen, sondern um die Aufklärung der Vergangenheit und eine sachliche, nachhaltig wirkende Neuordnung des Schiedsrichterwesens. Es darf sich nicht wiederholen, dass es über einen längeren Zeitraum Hinweise über mögliche Verfehlungen gibt, ohne dass diesen konsequent nachgegangen wird. "Wir wollen ein starkes Schiedsrichterwesen, in dem Fehlverhalten Einzelner nicht systematisch unter den Teppich gekehrt werden kann. Der Fußball ist keine heile Welt und das Schiedsrichterwesen auch nicht. Deshalb dürfen wir auch nicht so tun", sagt Dr. Zwanziger. In Reaktion auf die Anhörungsergebnisse wurde deshalb des Weiteren in Abstimmung mit dem Präsidenten Rolf Hocke beschlossen, im Süddeutschen Fußballverband eine weitere Kommission zur Aufklärung der Vorgänge und Verhaltensweisen im Schiedsrichterbereich einzusetzen.

Grundsätzlich ist es dem DFB nach Auswertung aller Anhörungen wichtig festzuhalten, dass es im Fall Amerell nicht um die Bewertung sexueller Neigungen geht. "Wir wollen nicht, dass sexuelle Orientierung diskriminiert wird. Der DFB setzt sich für einen offenen, toleranten Umgang miteinander ein. Gerade durch mehr Offenheit im Umgang mit diesem Thema können wir künftig verhindern, dass Dinge heimlich passieren oder tabuisiert werden", sagt Dr. Zwanziger.

Gleichwohl ist es unzulässig, die betroffenen Personen in den Kontext Homosexualität zu stellen. "Sie haben vielmehr mutig entschieden, Vorgänge öffentlich zu machen, über die zu lange geschwiegen wurde. Schiedsrichter wie Michael Kempter verdienen unseren höchsten Respekt und ich hoffe sehr, dass er von allen Fußballfans die uneingeschränkte Unterstützung bekommt, die er verdient hat."

Quelle: Pressemeldung Deutscher Fußball-Bund e.V. (DFB)

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