Berliner Lektionen 2009|2010

28.08.2009 | Berlin
Fünf Berliner Begegnungen mit sechs hochkarätigen Persönlichkeiten

Im fünften Jahr der Zusammenarbeit der Berliner Festspiele mit der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius haben die Veranstalter hochinteressante Zeitgenossen eingeladen. Immer sonntags um 11.30 Uhr finden die Berliner Lektionen im Berliner Renaissance-Theater statt.

Mit einem Vortrag zum Thema "Was wäre ein selbstbestimmtes Leben?" tritt als erster Gast in dieser Saison der Schweizer Philosoph und Wahlberliner Peter Bieri auf. Unter dem Namen Pascal Mercier ist Bieri Verfasser von mehreren erfolgreichen Romanen wie z.B. "Perlmanns Schweigen", "Der Klavierstimmer" und des Bestsellers "Nachtzug nach Lissabon". Sein Sachbuch "Handwerk der Freiheit" gilt als philosophisches Standardwerk. Bis 2007 lehrte Bieri Analytische Philosophie an der Freien Universität Berlin. Die Berliner Lektion des Schriftstellers findet am 25. Oktober 2009 statt. (Einführung: Michael Göring).

Als erste Frau des Landes erhielt Shirin Ebadi 1975 ihre Zulassung als Richterin am Teheraner Gericht in dem damals noch vom Schah Resa Pahlevi regierten Iran. Nach der Islamischen Revolution von den Mullahs ihres Amtes enthoben, übernahm Ebadi als Anwältin insbesondere die Verteidigung von Frauen, denen die Islamische Republik die Menschenrechte vorenthielt.

1994 gründete Ebadi ein iranisches Kinderhilfswerk. Schwerpunkte ihrer Tätigkeit sind bis heute die Rechte der Frauen in einer islamischen Gesellschaft und das Schicksal der Kinder. Für ihren Mut und ihr Engagement wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Human Rights Watch Defender Award, dem Amnesty International-Preis, dem Friedensnobelpreis (2003) und kürzlich mit dem Roland Berger Preis für Menschenwürde. Laut Ebadi gibt es keinen Widerspruch zwischen Islam und Menschenrechten. Über "The Human Rights Situation in Iran" spricht die 62-Jährige am 15. November 2009. (Einführung: Manfred Lahnstein).

Jedem, der die "Illias" von Homer in der Schule in einer der treuen (älteren) Übersetzungen gelesen hat, kommt die neue Übertragung der Homerschen Dichtung einer Revolution gleich. "Illias" von Raoul Schrott (Hanser Verlag 2008) bedient sich einer zeitgenössischen Sprache und macht die verwickelte Welt der Mythen und antiker Kultur dem heutigen Leser leicht verständlich. Für diese "Aktualisierung und Vereinfachung" erntet der 45-jährige Österreicher zahlreiche Kritik und Proteste aus dem Kreis der Altphilologen. Doch seine Übertragung geschah aus dem Geist der Poesie, die ihn auch als Dichter, Herausgeber und Übersetzer antreibt. Der Literatur- und Sprachwissenschaftler ist Autor von u.a. "Die Wüste Lop Nor", "Tristan da Cunha oder die Hälfte der Erde", "Handbuch der Wolkenputzerei". Er übertrug das "Gilgamesh"-Epos und Gedichte von Brodsky und Walcott. 1997 erschien "Die Erfindung der Poesie", sein Sammelband zur Dichtung der Menschheitsgeschichte. Er wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet u.a dem Leonce-und-Lena-Preis, dem Hölderlin-Preis, dem Joseph-Breitbach-Preis. Am 13. Dezember 2009 spricht er über "Die Politik des Heiligen". (Einführung: Joachim Sartorius).

Er hat Generationen deutscher Fußballer trainiert, er hat als Spieler wie als Trainer von Ost- und Westmannschaften wichtige Pokale gewonnen hat und er gehört zu den brillantesten Köpfen, die der Fußball in diesem Lande zu bieten hat: Hans Meyer. Ende Mai ist der 67-Jährige aus seinem Trainervertrag mit Borussia Mönchengladbach auf eigenen Wunsch vorzeitig ausgeschieden, nachdem er die Mannschaft - eine der jüngsten der Bundesliga - vor dem Abstieg gerettet hatte. Seine beispielhafte Trainerkarriere begann Meyer 1971 bei FC Carl Zeiss Jena. Nach dem Mauerfall übernahm er Hertha BSC und den 1. FC Union Berlin. Dann folgten der holländische FC Twente Enschede, der FC Nürnberg u.a.

Unter Fußballprofis gehört Meyer zu den angesehensten Kapazitäten. Der für seine Spielanalysen, seine Schlagfertigkeit und seinen Humor bekannte Trainer der Bundesliga trifft am 24. Januar 2010 auf den Dramatiker und Fußballer Moritz Rinke, den er in der Autorennationalmannschaft einst trainiert hat. In ihrem Gespräch "Wenn man Rosen auch im Stadion züchten könnte" geht es um Fußball und andere Menschheitsfragen.

"Meine Arbeiten handeln vom Erlebnis und vom Bewusstsein des Erlebnisses" sagt Olafur Eliasson über seine Installationen. Tatsächlich waren seine grün gefärbten Flüsse (Green River 1998 - 2001), die pralle Sonne der Tate Gallery (The Weather Project 2003) oder die Wasserfälle in New York (2008) geistig-ästhetisches Erlebnis und Augenschmaus zugleich. Dabei richtet sich der 1967 geborene Däne sehr diszipliniert nach wissenschaftlichen Methoden und setzt sich in seinen Projekten mit der physikalischen Voraussetzung von Naturphänomenen auseinander. Seine transparenten und jeweils auf ein Element reduzierten Installationen faszinieren durch ihre Klarheit und Schönheit. Sie nehmen Bezug auf Tradition und Kunstgeschichte und sind immer ein Besuchermagnet. Der in Berlin ansässige Künstler war 2006 an der Venedig Biennale beteiligt, 2007 richteten ihm das San Francisco Museum of Modern Art und 2008 das New Yorker P.S.1 Contemporary Art Center Einzelausstellungen aus.

Am 14. März 2010 spricht Olafur Eliasson unter dem Titel "Eine Beschreibung einer Reflexion, oder aber eine angenehme Übung zu deren Eigenschaften" über seine Arbeit. (Einführung: Joachim Sartorius).

Was verbindet diese Persönlichkeiten? Die Außergewöhnlichkeit ihrer Ansätze und ihr Kampf für das Neue haben ihnen große Erfolge, aber auch erhebliche Konflikte eingebracht. Und so erzählen die Berliner Lektionen von Kraft der Gedanken und der Möglichkeit, das Andere zu wollen und es zu schaffen: im Gerichtssaal, in den Museen der Welt, in den Herzen der Menschen, oder auf dem Fußballplatz.

Quelle: Pressemeldung Berliner Festspiele

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